Meditation in Mölln

Willigis Jäger * 1925 † 2020

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Meditation

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Meditation

Der Weg nach Hause

Ich habe die ganze Welt
auf der Suche nach Gott durchwandert,
und ihn nirgendwo gefunden.
Als ich wieder nach Hause kam,
sah ich ihn an der Türe meines Herzens stehen, und er sprach:
Hier warte ich auf dich seit Ewigkeiten.
Da bin ich mit ihm ins Haus gegangen.

Rumi

Zazen und Kontemplation - Was ist das?

Zazen und Kontemplation sind jahrtausendalte spirituelle Übungs- und Erfahrungswege. Menschen suchen auf ihnen nach dem Sinn ihres Da-Seins oder nach Antworten auf die für sie wichtigste Frage z. B.: Wer bin ich? Zazen hat seine Wurzeln im Buddhismus. Die Kontemplation hat ihre Wurzeln in der christlichen Mystik.

Was ist ein spiritueller Übungs- und Erfahrungsweg?

Die Spiritualität: Als menschliches Wesen in der Welt zu sein.
Die Übung: Achtsam sitzen, atmen, gehen.
Die Erfahrung: Nur Dies: Sitzen, Atmen, Gehen.
Der Weg: Alltag und Übung ⇒ Erfahrung ⇒ Alltag als Übung.

Meister Dogen (1200 - 1253),
japanischer Zenmeister, sagt über die Übungspraxis des Zazen:

Hock dich hin und überlass dich einfach ohne alle Künstlichkeit mit Leib und Seele dem Wirken des Weges.

Meister Eckhart (1260 - 1328),
deutscher Mystiker und Dominikanerpater, sagt über die Übungspraxis der Kontemplation:

Ich will sitzen und schweigen und hören, was Gott in mir rede.

Worauf lässt sich ein Mensch ein, wenn er Zazen oder Kontemplation übt?

Zazen und Kontemplation in Form der gegenstandsfreien Meditation sind Übungen der inneren Einkehr oder auch der Umkehr im religiösen Sinn (Metanoia). Bei diesen Übungen hat das menschliche ICH für sich selbst nichts. Für Übende bleibt besonders dies eine dauernde Herausforderung.

Aufrichtig und ernsthaft Übende lassen sich auf einen befreienden Wandlungsprozess ein, der das Bewusstsein von Grund auf verändert. Sie öffnen sich für eine transzendente Wirklichkeit, die mit dem Alltagsbewusstsein nicht direkt wahrgenommen, die auf dem Übungsweg aber ganz konkret erfahren werden kann.

Die Übung auf dem Weg

Die Übung ist einfach, aber nicht leicht. Die Übenden schweigen. Sie sitzen still mit untergeschlagenen Beinen gerade aufgerichtet möglichst erdnah auf einem Meditationskissen oder -bänkchen. Ältere Menschen oder solche mit Beschwerden können auch auf einem Hocker sitzen.

Die Übenden folgen ihrem Atem und lassen alle auftauchenden Gedanken geduldig immer wieder los, um der Stille hinter der Stille Raum zu geben. Oft wird dies auch mit den Worten 'hören, spüren, lauschen' umschrieben.

Regelmäßig, das heißt möglichst täglich 15 - 30 Minuten zu sitzen dient der Übung mehr, als unregelmäßig besonders lange zu sitzen. Das meditative Gehen zwischen aufeinanderfolgenden Sitzeinheiten ist Teil der Übung (Zazen: Kinhin).

Den Weg frei machen

Über längere Zeit still zu sitzen, verursacht gelegentlich Schmerzen im Körper. Sich regelmäßig zur Übung hinzusetzen, erzeugt gelegentlich Widerstände im Geist. Es fördert die Übung, wenn beides bewusst wahr- und angenommen wird. Dagegen anzukämpfen kann dazu führen, dass Übende vergleichen und bewerten. Begeisterte können dann manchmal hartleibig, Kämpfernaturen stolz und Wissenshungrige schlau werden. All das sind Hindernisse auf dem Weg.

"Es kommt darauf an, bei der Übung dem Prozess nicht im Wege zu stehen, sondern den Weg frei zu machen, damit geschehen kann, was geschehen will. Üben Sie weiter! Es wird alles ganz klar werden", sagte mein Lehrer dazu.

Es wird alles ganz klar werden

Kinder vermögen die Wirklichkeit noch in ihrer 'heiligen Unabhängigkeit' (Dag Hammarskjöld) zu sehen. Ihr Blick ist unverstellt und klar. Im weiteren Lebensverlauf entwickelt sich dann aus vielfältigen glücklichen und leidvollen Erfahrungen eine selbstbezogene Vorstellung von der Wirklichkeit, die für die meisten Menschen ihre Alltagswirklichkeit ist. Durch sie wird der Blick verstellt und ist dadurch nicht mehr ganz klar.

Wenn dann plötzlich geschieht, was geschehen will, wird der Blick im selben Moment wieder ganz klar. Alle subjektiven Filter, Schutzmauern, Konzepte verschwinden im Nu. Auf die Fragen 'Wer sitzt? Wer atmet? Wer geht?' ist die Antwort nicht mehr 'ICH'.

Der Übende ist erwacht (Zazen: Kensho)!

Diese wie aus dem Nichts hervorbrechende Transzendenzerfahrung lässt die Betroffenen verstummen, stammeln, weinen, lachen. Eine nie gekannte Freude ist dabei.

Für jede und jeden sind die äußeren Begleitumstände einer solchen Erfahrung anders. Gemeinsam ist eine tiefe Erschütterung und ein Dankbarsein und Staunen angesichts des fast Unerträglichen. Das Erleben selbst kann andauern: Minuten, Stunden.

"Haben Sie Vertrauen und sitzen Sie weiter. Es wird alles gut werden", sagte mein Lehrer danach.

Ein Segen ist es, auf dem spirituellen Übungs- und Erfahrungsweg von Menschen begleitet zu werden, die den Weg schon lange gehen, und denen man uneingeschränkt vertrauen kann.

Es wird alles gut werden

Menschen, denen eine Transzendenzerfahrung zuteil wird, erfahren ein manchmal verstörendes Paradoxon: Sie erfahren mitten im 'Nichts ist gut!' 'Alles ist gut!' Aus diesem Paradoxon erwächst der große Zweifel, den Übende auf ihrem weiteren Weg neben einem großen Glauben (Vertrauen) und einer großen Entschlossenheit noch brauchen.

Die Worte 'Es wird alles gut werden' sagen etwas über den Wandlungsprozess aus und verweisen darauf, dass der Weg nach einer ersten Erfahrung weitergeht. Auf dieser wichtigen Wegstrecke kann das Loslassen festgefügter Gottesbilder, Weltanschauungen und Lebenskonzepte wie auch tief eingewurzelter Verhaltensmuster besonders schmerzlich sein.

Deshalb sagen manche Lehrer, dass man nach einer ersten Erfahrung mit der Übung nicht aufhören darf.

Ein Leben spendender Brunnen werden

Nach vielen Jahren intensiven Übens kommt der Mensch allmählich zu einer Reife und großen Freiheit. Sie befähigen ihn dazu, das Leben so, wie es sich in jedem Augenblick zeigt, ruhig anzuschauen und anzunehmen.

Bassui Tokushō (1327 - 1387),
japanischer Zenmeister, sagt:

Schau direkt vor dich. Was ist da? Wenn du es siehst, wie es ist, wirst du nie fehlgehen.

So kann dieser Mensch dort, wo das Schicksal ihn gerade hingeführt hat, für alles, was ins Leben gerufen ist, zu einem Leben spendenden Brunnen werden.

Brunnen

Brunnen am Benediktushof, Holzkirchen, Foto: (c) Wieland Gerhardt

Das ist eigentlich unsere einzige moralische Aufgabe:
In sich selbst große Flächen urbar zu machen
für die Stille, für immer mehr Stille,
so dass man diese Stille wieder auf andere ausstrahlen kann.
Und je mehr Stille in den Menschen ist,
desto ruhiger wird es auch in dieser aufgeregten Welt sein.

Etty Hillesum

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